Gotthold Ephraim Lessing
Der bedeutendste Autor der Aufklärung war Gotthold Ephraim Lessing (1729-81). Er verfaßte wie Gellert Fabeln und Lehrgedichte, weiters theoretische Abhandlungen zum Theater und zur bildenden Kunst sowie vier der einflußreichsten Dramen seiner Zeit.
Gotthold Ephraim Lessing übte auf das deutsche Drama eine langanhaltende Wirkung aus. Er forderte, daß Personen bürgerlichen Stands Helden der Tragödie sein sollten, da ihr Schicksal beim vorwiegend bürgerlichen Theaterpublikum größere Wirkung erzielt als das adliger Charaktere. Weiters vertrat Lessing die Überzeugung, die Figuren eines Dramas sollten in Prosa und nicht in gebundener Sprache sprechen, da dies natürlicher sei. Er meinte - ganz in der Tradition der Aufklärung - das Theater solle das Publikum erziehen, indem die Stücke den Sieg der Vernunft und des Willens über die Leidenschaften zeigten. Dies würde man durch Stücke erreichen, die in den Zusehern Furcht und Mitleid weckten, was in Lessings Augen besonders bei einem englischen Dramatiker des 16. Jhdts., bei William Shakespeare, der Fall war.
In Miß Sara Sampson (1755) wird zum ersten Mal das Schicksal bürgerlicher Helden zum Gegenstand der Tragödie. Bis dorthin galt die "Ständeklausel", die nur Adlige als tragische Figuren zuließ. Mit Minna von Barnhelm (1767) schuf Lessing das erste deutsche Lustspiel. Sein Thema ist das übertriebene Ehr- und Rechtsgefühl des Majors von Tellheim, der aufgrund seiner Borniertheit die Liebesbeziehung mit seiner Verlobten Minna gefährdet. Nur Minnas Klugheit kann ihn davon abhalten, Prinzipien höher als Menschen zu bewerten.
In Emilia Galotti (1772) benützt Lessing die Geschichte von der Jungfrau Emilia, die gegen ihren Willen vom liebestollen Prinzen Gonzaga entführt wird und die ihren Vater bittet, sie zu erstechen, weil sie ihre Tugend nur so schützen kann, um gegen die Willkürherrschaft der kleinen absolutistischen Fürstenhöfe zu protestieren.
Lessings Hauptwerk, Nathan der Weise (1779), entstand als Folge eines Schreibverbots, das ihm vom Herzog von Braunschweig, bei dem er als Bibliothekar angestellt war, während einer theologischen Auseinandersetzung mit dem Hamburger Pastor Goeze über die wahre Religion und ihr Wesen erteilt wurde. Da Lessing keine theologischen Abhandlungen mehr veröffentlichen durfte, wollte er wissen, ob man ihn "auf seiner alten Kanzel, dem Theater, wenigstens noch ungestört will predigen lassen."
In Nathan der Weise werden Vertreter des Christentums, des Judentums und des Islam zusammengeführt, die sich zuerst feindselig gegenüberstehen, dann aber, geläutert durch die Lehre der "Ringparabel", des Kernstücks des Dramas, die jeweils Andersgläubigen nicht mehr nach ihrer Religionszugehörigkeit sondern nach ihrem menschlichen Wert beurteilen.
In der "Ringparabel", die Lessing aus einer Novelle des italienischen Humanisten Giovanni Boccaccio übernahm, fragt der moslemische Sultan Saladin den Juden Nathan nach der wahren Religion. Daraufhin erzählt Nathan die folgende Geschichte:

