Die Aufklärung in der Literatur
Um die neuen Gedanken populär zu machen, verwendeten die Aufklärer ein Medium, das in England zum ersten Mal weite Verbreitung gefunden hatte, die "Moralischen Wochenschriften". Das waren wöchentlich erscheinende Zeitschriften, in denen Fragen der Erziehung, der Moral, der Politik und der Kunst abgehandelt wurden. Zu den ersten gehörten Der Vernünfftler (1713/14) und Die vernünftigen Tadlerinnen (1725/26).
Die meisten dieser moralischen Wochenschriften erschienen nur kurze Zeit, ein bis zwei Jahre, dann verschwanden sie wieder vom Markt. In der Zeit von 1715-61 gab es über 180, im gesamten 18. Jhdt. über 500 verschiedene solcher Zeitschriften. Sie wandten sich an die 15 % der deutschen Bevölkerung, die lesen konnten.
Die Fabel
Da die Aufklärung die Menschen belehren und erziehen wollte, wendeten sich die Dichter den Gattungen zu, von denen sie sich den größten Erfolg erhofften, der Fabel und dem Lehrgedicht. In diese kurzen Texte verpackten sie moralische Lehrsätze und das Lob bürgerlicher Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit, Hilfsbereitschaft, Pünktlichkeit, Zufriedenheit, Genügsamkeit und Selbstbeherrschung sowie Kritik an unerwünschten Charakterzügen wie Habgier, Geiz, Neid und Streitsucht.
Ein Meister der Fabel war Christian Fürchtegott Gellert (1715-69), der vom Vorbild des griechischen Fabeldichters Äsop (6. Jhdt. v. Chr.) und des Franzosen Jean de la Fontaine (1621-95) beeinflußt war.
Das Theater
Auch dem Drama wurde eine große Wirkung im Sinne der Aufklärung, der Verbreitung der Vernunft, zugestanden. Mit Hilfe der Wanderbühnen und der städtischen Bühnen war es ja möglich, auch den Personenkreis zu erreichen, der keine Bücher las. Dazu bedurfte es allerdings zuerst einer Reform des Theaters, denn das deutsche und österreichische Publikum liebte die Stegreifkomödie, den Hanswurst und den Harlekin der barocken Wanderschauspieler.
In dieser Form war das Theater für die Dichter der Aufklärung wertlos. Sie wollten durch Veranschaulichung vernünftiger Grundsätze und tugendhafter Gesinnungen an der Verbreitung des Wahren und Guten mitwirken. Deshalb verfaßte Johann Christoph Gottsched (1700-66) mit dem Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen (1730) eine Kunstlehre, in der er darlegte, wie das Theater der Aufklärung auszusehen habe.
Wie schon Martin Opitz ein Jahrhundert vor ihm forderte Gottsched die Einhaltung der drei Einheiten, der Ständeklausel und die Verwendung der gehobenen, in Versen gebundenen Sprache. Die drei Einheiten sind die Einheit der Zeit (die Handlung muß sich in 24 Stunden abspielen), die Einheit des Ortes (der Schauplatz darf nicht wechseln) und die Einheit der Handlung (nur eine Haupthandlung soll dargestellt werden).
Gottsched lieferte auch ein Rezept zur Herstellung eines Dramas:
- Der Poet wählt einen moralischen Lehrsatz.
- Er denkt sich eine Handlung aus, die diesen Lehrsatz veranschaulicht.
- Er sucht in der Geschichte nach Personen und Ereignissen, die ungefähr zur Handlung passen.
- Er verändert die historische Überlieferung so, daß sie genau paßt, und legt den Handlungsablauf im Detail fest.
- Er teilt das Ganze in fünf ungefähr gleich lange Teile (= Akte).
- Er bringt es in die gehobene Sprachform des Dramas.
Gottsched verbündete sich mit der Schauspieltruppe der Friederike Caroline Neuber und schuf mit ihrer Hilfe und unter Mitarbeit seiner Frau Luise Adelgunde Victorie Gottsched Musterstücke und Übersetzungen von Stücken der Franzosen Pierre Corneille und Jean Racine, die als vorbildhaft galten.



