Anakreontik
Neben der verstandesbetonten Aufklärung und der gefühlsorientierten Empfindsamkeit existierte im 18. Jhdt. noch eine dritte geistige Strömung, die - in Anlehnung an den griechischen Dichter Anakreon, der im 6. Jhdt. v. Chr. lebte - "Wein, Weib und Gesang" bedichtete und Ernst, Sorge, Mühsal und Leid von ihrem Schaffen ausschloß. Federführender Anakreontiker war Friedrich von Hagedorn (1708-54).
Rokoko
Die Anakreontik kann als Vorstufe des Rokoko betracht werden. Unter Rokoko versteht man eine Stilrichtung, die in allen Bereichen der Kunst das Wuchtige des Barock ins Zierliche und Beschwingte, ins Anmutige und Heitere, ins Leichtgesinnte und Frivole verwandelte. Das Rokoko schließt die Vernunft nicht aus, sondern versucht, sie mit der Sinnlichkeit zu vereinen. Kultivierter, geistreich-witzig-ironischer Genuß des Daseins aufgrund materiell sorgenfreier Lebensumstände kennzeichnet den Rokokomenschen, der vor allem an den Fürstenhöfen und im gehobenen Bürgertum großer Städte existieren konnte. Die große Masse der Bevölkerung empfand dies als eine Welt des Scheins, an der sie nie Anteil haben konnte.
Der literarische Hauptvertreter des Rokoko war Christoph Martin Wieland (1733-1813), der in seinen Romanen, zB der Geschichte des Agathon (1766), immer wieder den Zusammenstoß des realitätsfernen Menschen mit der Wirklichkeit, die ihm die Illusionen raubt, darstellt. Wieland hatte als Ratsherr der Stadt Biberach und als Fürstenerzieher am Weimarer Hof alle Illusionen über aufgeklärte Fürsten, empfindsame Moral und republikanische Ideale verloren. Als einzig sinnvolle Lebenseinstellung erachtete er deshalb den Genuß des Schönen und das Streben nach harmonischer Ausgewogenheit des Charakters.
Wieland verspottete die spießig-kleinbürgerliche Beschränktheit der Deutschen Biedermänner, der Bürger von Kleinstädten wie Biberach, in der Satire Die Abderiten (1774). In der Tradition der Schildbürger beweisen die Figuren dieser Erzählung, deren Schauplatz Wieland in das antike Abdera verlegte, daß Dummheit und Beschränktheit nicht aussterben.


